Die Keilschrift der frühen Ungarn

Die altungarische Schrift (Rovásírás)

Einen frühen Fund der altungarischen Schrift bildet dieser Steinquader aus dem 11. Jahrhundert, in den ein Bibelspruch eingeritzt ist (1)
Das Nikolsburger Alphabet wurde im Jahr 1483 verfasst und bildet ein komplettes Alphabet der Rovásírás (2)
Mehrere ungarische Ortschaften haben zweisprachige Ortstafeln eingeführt, so auch das südöstlich gelgene Dorf Bugac (3)
Innerhalb der traditionellen ungarischen Handwerkskunst werden die Symbole oftmals als dekoratives Element verwendet (4)

Einleitung:

Seit dem frühen 21. Jahrhundert wurde zur Liste der ungarischen Symbole ein Element hinzugefügt, das eigentlich schon seit mehr als Tausend Jahren bekannt ist, jedoch erst in den letzten Jahren wieder eine größere Popularität in Ungarn erreicht hat. Bei diesem Merkmal handelt es sich um die altungarische Schrift, welche auch häufig als ungarische Runen oder als Szekler-Schrift bezeichnet wird. Sie stellen einen Teil der frühungarischen Kultur dar, die schon lange vor der Landnahme im 9. Jahrhundert existierte und die erste Schrift des magyarischen Volkes bildete. Nicht nur Wissenschaftler haben ein neues Interesse an der altungarischen Schrift gewonnen sondern auch viele Bürger, die die vielfältigen Zeichen unter anderem für Kunstwerke verwenden.

Geschichte:

Nach derzeitigen Forschungsergebnissen stammt die altungarische Schrift aus dem 7. oder 8. Jahrhundert. Die damals noch in Asien lebenden Ungarn hatten Kontakte zu verschiedenen Völkern, unter anderem auch zum türkischen Volk, welches eine sehr ähnliche Schrift besaß. Wahrscheinlich lernten beide Völker voneinander und so ähnelten sich auch einige Zeichen der jeweiligen Schriften. Als die landnehmenden Ungarn ihr späteres Land für sich beeinflussten, wurden die ungarischen Runen noch bis zum frühen 11. Jahrhundert regelmäßig verwendet, wobei sich das Alphabet und das Zahlensystem als sehr effizient erwiesen.

Mit der Christianisierung Ungarns im Jahr 1000 wurde die ungarische Keilschrift durch das lateinische Alphabet ersetzt und nach und nach verschwand die Schrift aus dem Alltag. Dennoch zeigen zahlreiche historische Funde, so wie zum Beispiel ein in Stein gemeißeltes Wappen aus dem 13. Jahrhundert bei Pécs, dass die ungarischen Zeichen immer wieder verwendet wurden. Insbesondere im damals ungarischen Transsylvanien blieb das Zeichensystem aber bei den Szekler-Ungarn bestehen, was teilweise bis heute noch der Fall ist. Ein wichtiger Grund für das schwindende Interesse bestand darin, dass das Zahlensystem der Ungarn ähnlich ungünstig wie jenes der antiken Römer war, wodurch Handelsgeschäfte und mathematische Arbeiten schon bald mit den arabischen Zahlen abgewickelt wurden. Gleichzeitig schaffte Latein sprachliche Verknüpfungen mit anderen europäischen Ländern, die unter anderem für die Diplomatie sehr bedeutend waren.

Während der nationalen Identitätsfindung des späten 19. Jahrhunderts kam auch die altungarische Schrift wieder zum Vorschein. Forscher begannen die Geschichte des ungarischen Volkes zu vervollständigen, während Politiker die Zeichen als starkes Zeichen für Ungarn bewarben. Mit der sowjetischen Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg unterbanden die Sowjets die Verwendung der Schrift, da sie fälschlicherweise in Verbindung mit den germanischen Runen gebracht wurden. Die Szekler-Ungarn trotzten diesen Verordnungen jedoch und verwendeten die Rovásíras weiterhin als Kunst für Erzeugnisse und Gebäude. Mit der Wende im Jahr 1990 befassten sich wiederum einige Wissenschaftler mit dem Thema und seit der Jahrtausendwende breitete sich die Faszination auch auf die Allgemeinbevölkerung aus.

Das Alphabet:

Die altungarische Schrift weist insgesamt 42 verschiedene Zeichen auf, die ursprünglich mit Stöcken in den Boden geschrieben wurden. Jedes Zeichen beschreibt einen Buchstaben und kein ganzes Wort, zusätzlich gibt es für Vokale unterschiedliche Betonungen, so wie es auch in der heutigen ungarischen Sprache üblich ist. Vom Aussehen ähneln die Zeichen den germanischen und keltischen Runen, wobei sie keine geschichtliche Verbindung besitzen. Wie es für eine frühe Schrift üblich ist bestehen viele Zeichen aus geradlinigen Teilen, die leichter als runde Strukturen gezeichnet werden können. Wegen dem ausgeprägten Alphabet können heutige ungarische Texte schnell in die Keilschrift übersetzt werden, jedoch wird die Schrift von rechts nach links gelesen.

Das Zahlensystem:

Bei näherer Betrachtung fällt bezüglich der Zahlen der altungarischen Schrift auf, dass sie jenen des römischen Systems sehr ähneln. Die Zahl 1 wird mit einem senkrechten Strich beschrieben, die Zahl fünf mit einem V. In der Entstehung der Schrift war dieses Zahlensystem sehr nützlich, immerhin konnten Viehbestände und Inventuren schnell beschrieben werden. Als die mathematischen Wissenschaften aber voranschritten erreichten die ungarischen Zahlen bald ihre Grenzen, da Multiplikationen und Divisionen mit einer solchen Beschreibung einfach zu umständlich waren. Dies führte unter anderem auch dazu, dass das lateinische Alphabet und die arabischen Zahlen in Ungarn sehr bald standardmäßig verwendet wurden.

Rovásíras als Kunstform:

Die verschiedenen Zeichen der Rovás Runen haben schon immer das Interesse von ungarischen Künstlern geweckt. In den vergangenen Jahren entstanden die verschiedensten Werke, die entweder in Museen ausgestellt sind oder erworben werden können. So gibt es zum Beispiel zahlreiche Schmuckstücke wie Halsketten oder Ringe, die mit einer persönlichen Gravur mit den Zeichen versehen werden. Moderne Künstler nutzen auch Digitaltechnik, um mit Lichteffekten einzelne Symbole oder Wörter zu erzeugen. Wenn die Szekler in Rumänien besucht werden, dann können immer wieder Segenssprüche und selbstgemachte Produkte entdeckt werden, bei denen die Zeichen zu sehen sind.

Heutige Bedeutung:

Für die Ungarn hat die altungarische Schrift zwar mehrere Bedeutungen, jedoch kristallisiert sich dabei ein Trend heraus. Ähnlich wie in den skandinavischen Ländern, in denen Mythen und die keltische Schrift immer beliebter werden, betrachten viele Ungarn es als abwechslungsreiches Hobby sich mit den Symbolen der Vorfahren zu beschäftigen. Selbstverständlich werden auch ernsthafte Forschungen betrieben um zum Beispiel Inschriften zu entziffern, jedoch trifft dies nur auf einen kleinen Teil der Bevölkerung zu. An manchen ungarischen Schulen werden freiwillige Kurse angeboten, an denen Schüler die Schrift kennen lernen können. Landesweit gibt es sogar jährliche Wettbewerbe, bei denen Teilnehmer versuchen Originaltexte so schnell und fehlerfrei wie möglich in modernes Ungarisch zu übersetzen.

Gäste aus dem Ausland werden innerhalb Ungarns einige Symbole der Szekler-Schrift entdecken. In bereits über 100 ungarischen Städten und Siedlungen stehen neben den normalen Ortstafeln mit dem Stadtnamen auch zweite Ortstafeln mit dem jeweiligen Namen in der altungarischen Schrift. Zwei Beispiele für solche Städte sind Mohács und Cegléd und mit jedem Jahr erhöht sich die Anzahl der "zweisprachigen" Ortstafeln. Aber auch in Geschäften mit traditionellen Erzeugnissen und an Souvenirständen werden Besucher einige Schmuckstücke sehen, die mit den Zeichen versehen sind. Bezüglich der originalen Verwendung stehen unter anderem im ungarischen Nationalmuseum zahlreiche Exponate zur Verfügung, auf denen Zeichen oder ganze Wörter und Sätze verewigt sind.

Zusammenfassung:

Während die altungarische Schrift vor einigen Jahren noch fast vollständig zu verschwinden drohte, ist sie heute ein etabliertes ungarisches Symbol und ein Teil der Landesgeschichte. Manche Menschen lernen die Schriftsprache aus Spaß, andere wiederum fertigen kunstvolle Gegenstände mit den Zeichen an. Die Beliebtheit ist inzwischen sehr groß und verschiedenste Wirtschaftszweige nutzen die interessanten Schriftzeichen, da die Nachfrage stetig wächst. Für die Ungarn ist die Rovásíras ein Zeichen für Zusammenhalt und eine gemeinsame Vergangenheit wodurch dieser Trend sehr positiv beurteilt wird. Für Touristen sind die Zeichen natürlich zunächst eine außergewöhnliche Sehenswürdigkeit, insbesondere wenn man zum Beispiel eine Runen-Ortstafel entdeckt und bestaunt. Daher ist es eine beliebte Aktivität nach den altungarischen Schriftzeichen zu suchen und dabei ein Merkmal des Landes kennen zu lernen, welches die Vergangenheit mit der Gegenwart verbindet.

Weitere relevante Informationen

Original Ungarischer Name: Rovásírás

Wahrscheinliche Herkunft: Frühungarische Kultur gemischt mit asiatischen Einflüssen

Anwendung: Stickereien / Schmiedeerzeugnisse / kunstvolle Literatur / Ortstafeln

Logik der Schrift: Die die Zeichen ergeben ein funktionsfähiges Alphabet und ein dazugehöriges Zahlensystem

Analyse der Schrift mit vorliegendem Alphabet (Englisch): 

http://www.omniglot.com/writing/hungarian_runes.htm


Bildquellen und Bildrechte:

(1) Jjdm, 2005, Public Domain

(2) Cserlajos, 2008, Public Domain

(3) Enantiomer, 2010, Public Domain

(4) Bandi, 2011, Creative Commons 3.0

Rechte:

© by www.Urlaub-Ungarn.at (Stand 2015, H)


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