Eine Zeitreise im Retro Design Center Museum Szentendre
Einleitung:
Die künstlerische Donaustadt Szentendre ist geprägt von wirtschaftlichen und touristischen Entwicklungen. Während Stadtteile renoviert und Sehenswürdigkeiten restauriert werden, haben Besucher der Stadt die Möglichkeit jedes Jahr Modernisierungen zu entdecken, die dem 21. Jahrhundert würdig sind. An einem Ort in Szentendre ist jedoch eine Zeitblase entstanden, in welcher für immer die 1970er und 1980er Jahre existieren werden. Das Retro Design Center ist nämlich ein Museum, welches explizit Ausstellungsstücke präsentiert, die im sozialistischen Ungarn zu dieser Zeit erhältlich und üblich waren. Während die Ausstellungen für ungarische Bürger eine Erinnerung an damalige Zeiten darstellt, können internationale Touristen einen Blick in die durchaus skurrilen Zeiten werfen.
Geschichte:
Der Sozialismus in Ungarn war von einer Mangelwirtschaft geprägt, in welcher Produktgruppen nicht jene Einflüsse erfuhren, wie Produkte in freien Ländern. So gab der Staat zum Beispiel nicht nur vor, welche Produkte erhältlich waren, sondern auch welche Einflüsse sie hinsichtlich Design und Trends haben durften. Durch diese Kombination entstanden in den 70er und 80er Jahren diverse kaufbare Waren, die teilweise westlichen Trends folgten und teilweise ganz andere Merkmale aufwiesen. Nach der Wende 1990 verschwanden viele dieser Objekte in Kellern oder wurden ganz entsorgt, da die freie Marktwirtschaft ganz neue Möglichkeiten bot.
Das Retro Design Center Szentendre hat diese längst vergangenen Zeiten wiederbelebt, indem sie auf einer Fläche von über 1000 Quadratmetern jene Exponate ausgestellt haben, die damals für den Normalbürger erhältlich waren. Angefangen von Modezeitschriften bis hin zu Autos wurden hier zahlreiche Produkte zusammengetragen und bei Bedarf auch liebevoll restauriert. Das Museum ist aufgrund der Fokussierung auf die 70er und 80er Jahre ein interessantes Kuriosum, da einerseits ein großes Spektrum an Waren präsentiert wird und andererseits ersichtlich wird, dass das Ende des Sozialismus nur eine Frage der Zeit war. Nach der Eröffnung im Jahr 2015 kamen nicht nur Nostalgiker vorbei, sondern auch viele internationale Touristen, die ihre eigenen Erfahrungen dieser Zeitperiode mit denen in Ungarn vergleichen wollten.
Der Fahrzeugpark:
Das Herz des Retro Design Centers bildet sicherlich der großzügige Autopark, in dem 25 verschiedene Automodelle ausgestellt sind. Diese Fahrzeuge bilden die komplette Autopalette, die in Ungarn erhältlich war. Neben bekannteren Marken wie Skoda, Dacia und Trabant können auch Marken bestaunt werden, die jenseits des Eisernen Vorhangs gänzlich unbekannt waren. Da Ungarn keine eigene PKW-Produktion besaß, durften die Bürger aus einer größeren Auswahl wählen als Bruderstaaten wie Rumänien oder Ostdeutschland. Bei einigen Modellen ist es auch erlaubt sich hineinzusetzen, damit man ein Gespür dafür bekommen kann, wie es gewesen ist in den Kleinstfahrzeugen stundenlang zu fahren.
Passend zu den Ausstellungsfahrzeugen befindet sich im Retro Design Center auch eine Schauwerkstätte für Automechaniker. Obwohl die Autos in Massen hergestellt wurden, gab es schon bald einen Mangel an Ersatzteilen für Reparaturen. Aus diesem Grund blühten Mechanikerwerkstätten und Hobbywerkstätten in Ungarn, die mittels Improvisation versuchten ohne passende Ersatzteile Reparaturarbeiten durchzuführen. Ebenfalls beachtlich ist auch die Anzahl an Motorrädern und Fahrrädern, die teilweise in Ungarn und teilweise in anderen sowjetischen Ländern hergestellt wurden. Passend zu den Fahrzeugen stehen auch lebensgroße Figuren neben den Exponaten, die authentische Polizeiuniformen tragen.
Wohnen im Sozialismus:
Die eingerichteten Zimmer im Retro Design Center Museum offenbaren einige interessante Aspekte des damaligen Lebens. Die sozialistischen Möbel waren auf den Einsatz in Plattenbauten ausgelegt, wodurch die Stühle und Couchelemente der Marke Varia zum Beispiel bewusst sehr klein gehalten waren. Haushaltsgegenstände besaßen häufig nur zwei wichtige Eigenschaften, nämlich eine grelle Farbe und Plastik als Material. Bei der Mode wird schnell ersichtlich, dass einige Elemente den westlichen Ländern angepasst waren, so sind zum Beispiel Teile der Hippie Kultur in den Schuhen und Hemden wiederzufinden. Ausgestellte Plakate und Magazine sollten damals den Schein wahren, dass von sämtlichen Gütern genügend zur Verfügung stand.
Innerhalb der Küche und den umliegenden Räumen des Retro Design Centers wird ebenfalls schnell klar, dass auch Konsumgüter nur bedingt zur Verfügung standen. Die Auswahl damaliger Zigarettenmarken wie Munkás oder Fescke waren für dauerarbeitende Menschen ausgelegt, während bei den verfügbaren Biersorten hauptsächlich nur Flaschenbiere zu sehen sind. Dosenbiere waren damals so schwer zu bekommen, dass sich Gastgeber rühmen konnten, wenn sie Besuchern Dosenbier anbieten konnten. Bei dem Geschirr stößt man immer wieder auf kunstvoll verzierte Teller und Gläser. Dieser überraschende Umstand ist damit erklärt, dass junge Menschen aus ländlichen Gegenden oftmals in Großstädte zogen, von der Familie aber gutes Porzellan mitbekamen.
Spielzeug im Sozialismus:
Der Einfluss des Staates auf seine Bürger begann bereits im Kindesalter, wie im Spielzimmer des Retro Design Centers gezeigt wird. Während Jojos und Rubikwürfel die Kreativität steigern sollten, sollten Plastikbagger und Modelleisenbahnen das Interesse am späteren Arbeitsleben wecken. Ein landesweit bekanntes Brettspiel war das Gesellschaftsspiel "Wirtschafte Gut", welches das Gegenstück zu Monopoly darstellte. Anstatt Straßen zu kaufen und möglichst viel Geld zu verdienen, geht es im Spiel darum verdientes Geld möglichst sinnvoll in Sparbücher anzulegen, um sich mit etwas Glück Gegenstände für die eigene Wohnung kaufen zu können. Die Propaganda nutzte das Spiel, um Kindern zu erläutern, dass sie den Wasserhahn nicht tropfen lassen sollten und dass Investitionen möglichst nur in Staatsbanken getätigt werden sollten.
Die Keravill Handelskette:
Bei der Marke Keravill erinnern sich nicht wenige ungarische Bürger an eine Handelskette, die in ganz Ungarn Waren verkauft hat. Aus diesem Grund widmet das Retro Design Center auch diesem Aspekt des sozialistischen Lebens einen eigenen Abschnitt. Keravill war der größte Anbieter von Elektronikgeräten. Fernseher, Radiogeräte und Tonbandspieler wurden auch aus den Nachbarländern importiert und dann weiterverkauft. Hier ist es möglich zu erleben, dass nicht nur die Autos, sondern auch Elektronikgeräte lange nicht dem westlichen Standards entsprachen. Im Übrigen ist die Handelskette erst 2004 endgültig aufgelöst worden.
Zusammenfassung:
Im Großen und Ganzen bietet das Retro Design Center eine abwechslungsreiche Möglichkeit, um einen Einblick in das sozialistische Alltagsleben in Ungarn zu erhalten. Für manche wecken diese Zeiten negative Erinnerungen, andere wiederum schwärmen als Nostalgiker von der guten alten Zeit. Aus diesem Grund ist es sehr angenehm, dass das Retro Design Center keinerlei geschichtliche Wertungen vornimmt, sondern die Interpretationen den Besuchern überlässt. Die beeindruckende Sammlung von Fahrzeugen und Haushaltsobjekten bieten sowohl während einer Führung, als auch ohne diese einen interessanten Aufenthalt. Durch die mehrsprachige Beschriftung sind viele Ausstellungsstücke genau beschrieben und auch für jene Besucher erklärt, die nicht Teil dieser Gesellschaft waren. Es ist daher empfehlenswert das Retro Design Center zu besichtigen und zu vergleichen, wie das Leben im Ungarn der 70er und 80er Jahre war und wie es sich von der Zeitperiode des eigenen Landes unterschied.
Weitere relevante Informationen
Original Ungarischer Name: Retro Design Center Szentendre
Öffnungszeiten: Das Museum ist von Montag bis Freitag von 09:00 Uhr bis 17:00 Uhr geöffnet, am Samstag und am Sonntag hat es bis 18:00 Uhr geöffnet
Eintritt: Erwachsene 1000Ft / Studenten und Senioren 500Ft
Zugang: Das Retro Design Center liegt etwas nördlich vom alten Stadtzentrum, kann jedoch nach einem 10 minütigen Spaziergang entlang der Donau erreicht werden
Informationen: Beschilderungen stehen in Ungarisch, Deutsch und Englisch zur Verfügung, Broschüren und Führungen stehen in weiteren Sprachen zur Verfügung
Karte des Retro Design Centers in Szentendre
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Bildquellen und Bildrechte:
(1) © Retro Design Center Szentendre
(2) © Retro Design Center Szentendre
(3) © Retro Design Center Szentendre
(4) © Retro Design Center Szentendre
Alle Bilder dieses Artikels gehören rechtlich dem Retro Design Center Szentendre Museum. Die Weiterverwendung dieser Bilder ist ohne die Zustimmung der Rechteinhaber nicht gestattet.
Rechte:
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